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Die Rosinenbomber sind nach Deutschland zurückgekehrt

Das Vorfeld auf dem Flugplatz in Wiesbaden-Erbenheim war gestern voll mit Menschen, die sich die C-47/DC-3 anschauen wollten, die zu einem Zwischenstopp auf ihrer Deutschlandtour auf dem Army Airfield gelandet waren. Die Veranstalter hatten noch zu Beginn des Jahres mit der Teilnahme von 38 Flugzeugen gerechnet, dass es am Ende nur 18 waren, tat der Stimmung keinen Abbruch.

11.06.2019

In Wiesbaden-Erbenheim posierten Schauspielerinnen vor einigen historischen Flugzeugen in historischen Kostümen. © Volker K. Thomalla

Colonel Gail Halvorsen, der 98-jährige ehemalige Pilot der US Air Force, der während der Berliner Luftbrücke als erster Pilot Süßigkeiten für die Berliner Kinder an selbstgebauten Fallschirmen abgeworfen hatte, war überwältigt von dem Empfang, der ihm auf dem Wiesbaden Army Airfield bereitet wurde. Die C-47, mit der er eingeflogen war, wurde von der Flughafen-Feuerwehr mit einem Wasser-Salut begrüßt, danach wurde er in einem Willy’s Jeep über das Gelände gefahren. Dabei sagte er mehrfach: „Was für eine Menge Leute!“

Bei seinem Besuch in Wiesbaden trug Halvorsen neben seinen militärischen Orden und Abzeichen auch das Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland. Halvorsen stand im Jeep, nicht, um sich feiern zu lassen, sondern um den Menschen, die ihm zujubelten und applaudierten, seine Ehrerbietung zu erweisen.

Berlin Airlift 70 Event in Erbenheim:

Gail Halovorsen war als Ehrengast mit der C-47 „Placid Lassie“ nach Wiesbaden eingeflogen worden. Der zweimotorige Veteran, der im Zweiten Weltkrieg an allen wichtigen alliierten Luftlandeoperationen in Mitteleuropa teilgenommen hatte, wurde bei der Ankunft in Wiesbaden von einer Formation von vier T-6 Texan begleitet.

Mit der „Placid Lassie“ hatte sich die Zahl der C-47/C-53/DC-3 auf dem Platz auf 18 erhöht. Die meisten der fliegenden Veteranen waren am Vortag aus Frankreich gekommen, wo sie an den Feierlichkeiten zum 75. Jahrestag des D-Day teilgenommen hatten. Ein Teil der Flugzeuge wie die C-47 „Betsy’s Biscuit Bomber“ oder die C-47 „Flabob Express“ sowie die C-47 „Virginia Ann“ waren aus Kalifornien angereist, um an diesem wohl einmaligen Treffen dieser Transportflugzeuge teilzunehmen.

Nächster Stopp: Faßberg

In Wiesbaden sowie in den nächsten Tagen in Faßberg, Jagel, Nordholz und an anderen Orten, werden sie an das Ende der Berliner Luftbrücke vor 70 Jahren erinnern.  Am Mittwoch brechen die Crews mit ihren Flugzeugen auf, um nach Faßberg zu fliegen. Das geplante Event „Luftbrücke zum Anfassen“, das in Schönhagen stattfinden sollte, wurde kurzfristig abgesagt.

In Wiesbaden erlebten die Zuschauer ein amerikanisch-deutsches Volksfest, das schon sehr amerikanisch geprägt war. Top-Organisation und -Durchführung, publikumswirksames Programm und ein umfangreiches Static Display mit Flugzeugen zum Bestaunen, anfassen und hineingehen. Viele der DC-3/C-47 hatten ihre Türen geöffnet und erlaubten den Besuchern einen Einblick in die Kabinen – zum Teil auch ins Cockpit – der historischen Flugzeuge. Diese Gelegenheiten wurden intensiv genutzt, und die Crews, die für Fragen bereit standen, mussten den ganzen Tag Antworten geben.

Das Luftbrücken-Event in Wiesbaden war ein großes amerikanisch-deutsches Volksfest. © V. K. Thomalla

Die Zuschauer strömten auch noch am Nachmittag auf den Flugplatz, obwohl entgegen der ersten Ankündigungen vor einem Jahr, doch ein Eintritt in Höhe von 5 Euro verlangt wurde, und Tickets nur im Vorverkauf zu erhalten waren. Die Starts der einzelnen Flugzeuge, die sich anschließend zu einer Sechserformation fanden, wurden  schon mit Handys und Kameras dokumentiert. Der Anflug der Formation mit eingeschalteten Landescheinwerfern wurden von vielen „Oh“ und „Ah“ der Zuschauer begleitet.

Candy-Drop aus der C-47

Einen Höhepunkt des Tages bildete der „Candy-Drop“, bei dem – wie vor 70 Jahren – Süßigkeiten an Taschentuch-Fallschirmen aus dem fliegenden Flugzeug „abgesetzt“ wurden. Kinder durften nach dem Abwurf auf den Gras-Abstellplatz laufen, um die Schokolade aufzusammeln.

Eine umfangreiche Ausstellung zur Berliner Luftbrücke mit vielen Schautafeln im Hangar und speziellen Exponaten informierte ausführlich über die Zeit vor 70 Jahren. Die humanitären Aspekte der Luftbrücke, die immerhin die West-Berlin vor dem Zugriff der Sowjetunion gerettet hat, standen bei der gut gemachten Ausstellung im Vordergrund.

Die US Army nutzte das Event auch, um drei ihrer Luftfahrzeuge, die häufig in Wiesbaden zu sehen sind, den Besuchern zu präsentieren: Neben einem Kampfhubschrauber AH-64D Apache stellte sie auch einen Transporthubschrauber UH-60M Black Hawk sowie eine C-12F Huron – eine militärische Version der Beechcraft King Air – im Static Display aus. Viele Besucher ließen sich die Gelegenheit nicht entgehen, sich in den Black Hawk zu setzen oder in das Cockpit des Apache zu schauen.

Der Berlin Airlift 70-Flugtag in Wiesbaden-Erbenheim dürfte eine der letzten Gelegenheiten gewesen sein, eine solche Anzahl dieser historischen Transportflugzeuge mit Piloten, die sie vor 70 Jahren geflogen haben, an einem Ort zu sehen. Die damaligen Piloten sind heute alle weite über 90 Jahre alt, die Flugzeuge fast alle über 70 Jahre alt. Sie wurden nie für eine solche Nutzungsdauer gebaut. Die Wartung und Instandhaltung der Flugzeuge wird schwieriger und teurer, die Ersatzteilversorgung immer herausfordernder. Ob in fünf oder zehn Jahren noch einmal mehrere historische C-47/DC-3 aus den USA aufbrechen, um den nicht ungefährlich Transatlantikflug zu wagen, um an Feierlichkeiten in Europa teilzunehmen, darf bezweifelt werden.

Volker K. Thomalla

 

 

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Über Volker K. Thomalla

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Volker K. Thomalla ist Chefredakteur von aerobuzz.de. Er berichtet seit über 30 Jahren als Journalist über die Luft- und Raumfahrt. Von 1995 bis 2016 leitete er als Chefredakteur die Redaktion aerokurier, von 2000 bis 2016 zusätzlich die Redaktionen FLUG REVUE und Klassiker der Luftfahrt. Thomalla ist seit 2016 Chefredakteur des englischsprachigen Business-Aviation-Magazins BART International. Er hat mehrere Bücher über die Luftfahrt geschrieben und als Privatpilot auch praktische Flugerfahrung gesammelt.

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