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Lilienthal-Gleiter erfolgreich im Flug getestet

Einer Gruppe von Flugenthusiasten aus Göttingen ist es nach jahrelangen Vorbereitungen gelungen, den Normalsegelapparat des deutschen Luftfahrtpioniers Otto Lilienthal originalgetreu nachzubauen und erstmals auch in Flugversuchen erfolgreich zu erproben. Auslöser für das Projekt war eine Doktorarbeit.

17.08.2018

Der Nachbau des Lilienthal-Normalsegelapparats wurde in Monterey erfolgreich geflogen. ©Jan Raffel

Als erstem Menschen gelangen Otto Lilienthal vor mehr als 125 Jahren Gleitflüge mit einem selbstgebauten Flugzeug. 1893 erhielt er das Patent auf seinen Normalsegelapparat, den er viele Hundert Male selbst hangabwärts flog. Die über 100 Fotografien, die Lilienthal in der Luft zeigen, lösten eine epochale Wende aus und sorgten in der ganzen Welt für Bemühungen, stabile fliegende Flugzeuge zu entwickeln. Mindestens neun Fluggeräte hat er verkauft und damit seinen Normalsegelapparat zum ersten Serienflugzeug der Welt gemacht. Seine Apparate fanden unter anderem Interessenten in Moskau, Dublin, Wien und New York.

Erstes Serienflugzeug der Welt

Allerdings kursierten bislang immer wieder Gerüchte, dass das Gerät nicht gut steuerbar und flugmechanisch nicht hinreichend stabil gewesen sei. Bereits 2016 war die Flugstabilität des Normalsegelapparates anlässlich des 125. Jubiläums des Menschenfluges vom Deutschen Zentrum für Luft und Raumfahrt (DLR) in Windkanaluntersuchungen in den Niederlanden bewiesen worden.

Das DLR hatte bereits 2016 bei Tests im LLF-Windkanal des DNW in Marknesse in den Niederlanden die Eigenstabilität des Lilienthal-Gleiters nachgewiesen. © DLR

Markus Raffel, Professor des Instituts für Turbomaschinen und Fluid-Dynamik (TFD) der Leibniz Universität Hannover, und Pilot des Lilienthal-Gleiters, sagte: „Mit dem jetzigen Flugversuch haben wir für jeden sichtbar bewiesen, dass Lilienthal das erste stabil fliegende Flugzeug gebaut hat.“

Markus Raffel und der Doktorand Felix Wienke konnten mit viel privatem Engagement nun nachweisen, dass mit dem Flugapparat Flüge bis zu 100 Metern Länge problemlos möglich sind. Anlass für die Untersuchung war die Doktorarbeit von Wienke über die Aerodynamik luftdurchlässiger Flügel. Dafür haben die beiden Maschinenbauingenieure anhand der Konstruktionszeichnungen von Otto Lilienthal das Fluggerät originalgetreu nachgebaut. Unterstützung dafür gab es von weiteren Flugenthusiasten und seitens des Otto-Lilienthal-Museums in Anklam, dessen Beschäftige Wissen über Material und Verbindungstechnik beigesteuert haben. Die Fesselflüge und die Übungsflüge an der Winde ganzen in der Nähe von Göttingen statt. „Die Freiflüge wurden der guten meteorologischen Bedingungen (insbesondere wegen des gleichmäßigen Hangaufwindes) bei Monterey an der kalifornischen Westküste durchgeführt“, sagte Markus Raffel gegenüber Aerobuzz.de.

Von Kurvenflügen wird abgeraten

Der Gleiter sei nach einiger Übung leicht auf Kurs zu halten und einfach zu landen, berichtet Markus Raffel, der die Flüge als Pilot durchführte. „Fliegen in geringer Höhe ist gefahrlos möglich. Das Gerät ist um alle drei Achsen stabil, kann sicher hangabwärts gesteuert undeinfach gelandet werden“, lautet sein Fazit. Von höheren Flügen, Flügen bei unruhigem Wetter und Kurvenflügen rät er allerdings ab. Für solche Flüge sei der Apparat seinerzeit auch nicht entworfen worden.

Volker K. Thomalla

 

Lilienthal-Gleiter im Fernsehen

Die Geschichte der notwendigen Voruntersuchungen und Tests sowie des erfolgreichen Erstflugs des Lilienthal-Gleiters eine kurze TV-Dokumentation von Arno Trümper. Der Beitrag wird in der Sendung „Gut zu wissen“ des Bayerischen Rundfunks (BR) am Samstag, 18. August 2018 ab 19 Uhr ausgestrahlt.

 

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Über Volker K. Thomalla

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Volker K. Thomalla ist Chefredakteur von aerobuzz.de. Er berichtet seit über 30 Jahren als Journalist über die Luft- und Raumfahrt. Von 1995 bis 2016 leitete er als Chefredakteur die Redaktion aerokurier, von 2000 bis 2016 zusätzlich die Redaktionen FLUG REVUE und Klassiker der Luftfahrt. Thomalla ist seit 2016 Chefredakteur des englischsprachigen Business-Aviation-Magazins BART International. Er hat mehrere Bücher über die Luftfahrt geschrieben und als Privatpilot auch praktische Flugerfahrung gesammelt.

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