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Sind Karrieren in der Luftfahrt nicht mehr attraktiv?

Eine Umfrage des Luftfahrt-Marktforschungsunternehmens JetNet iQ brachte ein überraschendes Ergebnis und muss bei Airlines und der Luftfahrtindustrie in Europa die Alarmglocken schrillen lassen.

24.10.2019

Air France hat einen wahren Ansturm auf seine Ausbildungsplätze für Piloten erlebt. © Air France/Youtube

Das renommierte Business Aviation-Marktforschungsunternehmen JetNet iQ aus Utica im US-Bundesstaat New York erhebt kontinuierlich Daten über die weltweite Business Aviation-Flotte und befragt Betreiber über ihre Verkaufs- und Kaufabsichten. Auf der Geschäftsluftfahrtmesse NBAA-BACE in Las Vegas haben Paul Cardarelli und  Rolland Vincent die Ergebnisse der jüngsten Umfrage vorgestellt. Sie sehen einen Bedarf von 7.050 Business Jets im Vorhersagezeitraum 2019 bis 2028 im Wert von 241 Milliarden US-Dollar (217 Milliarden Euro).

Quasi als Nebenaspekt hatte JetNet iQ die Umfrageteilnehmer – alles Flugzeugbetreiber – aus der ganzen Welt in den vergangenen vier Quartalen auch gefragt: „Wie wahrscheinlich ist es, dass Sie jemandem eine Karriere in der Luftfahrt empfehlen, der Sie nach Karrieremöglichkeiten befragt?“

Der NPS-Wert in Europa liegt bei Null

Die Ergebnisse sind repräsentativ und überraschend. In Nordamerika liegt der so genannte Net Promoter Score (NPS), also das Verhältnis zwischen Umfrageteilnehmern, die eine Karriere in der Luftfahrt empfehlen zu denen, die von einer Aviation-Karriere ablehnen, bei 43. Dieser Wert ist ein sehr guter Wert. In Latein- und Südamerika liegt der NPS noch bei 34, im Rest der Welt – ohne Europa – liegt er immerhin noch bei 20. Europa bildet bei dieser Umfrage das Schlusslicht mit einem NPS von 0.

Während in Europa nur 28 Prozent der Umfrageteilnehmer – immerhin alles nachgewiesene Flugzeugbesitzer oder -betreiber – eine Karriere in der Luftfahrt empfehlen würden, würde ein gleichgroßer Prozentsatz eine Karriere in der Luftfahrt nicht empfehlen. Der Rest der Umfrageteilnehmer hatte ein neutrale Position bei dieser Frage eingenommen, ist also ebenfalls kein Promoter für eine Berufswahl in der Luftfahrt.

Die Umfrageteilnehmer kamen ausschließlich aus der Business Aviation, während sich die Frage auf die Luftfahrt insgesamt bezog, also auf Karrieren in allen möglichen Bereichen der Luftfahrt, vom Piloten über Techniker, Fluglotsen, Dispatcher, etc. Die Antworten und der desaströse NPS-Wert für Europa von einer solch qualifizierten Teilnehmergruppe müssen bei allen Personalverantwortlichen in der Luftfahrtindustrie und im Luftverkehr die Alarmglocken klingeln lassen, denn wenn eine hochgradige Schlüsselgruppe aus der Luftfahrt nicht einmal mehr zu einer Karriere in der Luftfahrt rät, dann wird die Branche den Wettbewerb um talentierten Nachwuchs nicht gewinnen können. Guter Nachwuchs wird dann auf Anraten von Luftfahrtbeteiligten in andere Branchen wechseln.

Die Umfrage von JetNet iQ ist als Frühwarnung anzusehen und kommt früh genug für die Industrie, um gegenzusteuern. Sollte jedoch nichts geschehen, geht die Luftfahrt in Europa aufgrund von Nachwuchsmangel mittel- und langfristig schweren Zeiten entgegen.

Volker K. Thomalla

 

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Über Volker K. Thomalla

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Volker K. Thomalla ist Chefredakteur von aerobuzz.de. Er berichtet seit über 30 Jahren als Journalist über die Luft- und Raumfahrt. Von 1995 bis 2016 leitete er als Chefredakteur die Redaktion aerokurier, von 2000 bis 2016 zusätzlich die Redaktionen FLUG REVUE und Klassiker der Luftfahrt. Thomalla ist seit 2016 Chefredakteur des englischsprachigen Business-Aviation-Magazins BART International. Er hat mehrere Bücher über die Luftfahrt geschrieben und als Privatpilot auch praktische Flugerfahrung gesammelt.

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