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Flugzeughersteller Antonow wieder im Steigflug

Nach mehreren Geschäftsführerwechseln in kurzer Zeit und Turbulenzen durch den Wegfall russischer Zulieferer fährt der ukrainische Hersteller Antonow nun wieder in ruhigerem Fahrwasser. Er plant die längst fällige Aufnahme der Serienproduktion der An-158 und An-178. 

31.05.2019

Die An-124 der Antonov Airlines sind derzeit die wichtigsten Umsatzlieferanten von Antonow. © Dr. Robert Kluge

Keine Frage, der ukrainische Flugzeughersteller Antonow, Schöpfer solch legendärer Transportflugzeuge wie An-2, An-22, An-124 und der einzigartigen An-225 Mrya, war in den vergangenen Jahren in ernsten, vor allem politisch veranlassten Turbulenzen. Zwischen Juni 2014 und Mai 2018 wechselte das Unternehmen dreimal die Geschäftsführung – so oft, wie in den vorangegangenen fast 70 Jahren seit 1946, als Oleg Antonow die Firma gründete. Seit Juni 2018 steuert nun Oleksandr Donets den Stolz der ukrainischen Industrie. Keiner seiner beiden direkten Vorgänger hatte Erfahrung in der Flugzeugindustrie; Kunden sprangen ab, und das Image des Unternehmens bekam Kratzer. Donets hingegen wurde von der Belegschaft nominiert: „Ich bin ein Antonow-Gewächs“, erklärt er. „In dieser Position ist Luftfahrt-Sachverstand gefragt.“

Serienbau der An-158 und An-178

Die Entwicklung von Umsatz und Gewinn seit Donets‘ Amtsantritt lässt bereits positive Tendenzen erkennen. Seine Hauptaufgabe neben der Wiederherstellung von Vertrauen bei den Mitarbeitern sieht er in der Stabilisierung des Frachtfluggeschäfts der Tochter Antonov Airlines und der längst überfälligen Serienfertigung von Flugzeugen der Typen An-158 (Regionalflugzeug mit 98 Sitzen) und An-178 (Frachter für bis zu 18 Tonnen Zuladung). Hier liegt die Herausforderung derzeit in der Zertifizierung von überarbeiteten Versionen, die ohne russische Komponenten auskommen sollen. Aviall, ein Tochterunternehmen des US-Herstellers Boeing, unterstützt die Ukrainer dabei logistisch. Als Avionik-Einbauten sollen in den Cockpits Produkte des kanadischen Anbieters Esterline zum Einsatz kommen.

Der ukrainische Hersteller will schnellstmöglich mit der Serienfertigung der An-178 starten. © Dr. Robert Kluge

Wichtigste Einnahmequelle des Unternehmens sind derzeit jedoch immer noch die Umsätze von Antonov Airlines. Die Gesellschaft hat mit ihren Großfrachtern für den Flugzeughersteller aus Kiew eine besondere Bedeutung. Gegründet vor genau 30 Jahren in der sowjetischen Umbruchphase, rettete ihm die Fluggesellschaft mehr als einmal das wirtschaftliche Überleben.

„2018 konnten wir mit unseren sieben An-124 6.500 Flugstunden verkaufen“, betont ihr Direktor Mykhailo Kharchenko nicht ohne Stolz. Aktuell tragen die 1.200 Mitarbeiter zu 80 Prozent zum Umsatz des Flugzeugherstellers mit seinen insgesamt fast 10.000 Arbeitnehmern bei. „Jeweils zehn Prozent entfallen noch auf die Leistungen unseres Konstruktionsbüros und unserer Produktionsstätten“, ergänzt Antonow-Präsident Oleksandr Donets. Konstante Auslastung garantiert den Großfrachtern das mit der NATO-Agentur NSPA geschlossene Abkommen im Rahmen des Programms Strategic Airlift International Solution (SALIS). Nach dem politisch bedingten Ausscheiden des ehemaligen Partners Volga Dnepr aus Russland bestreitet Antonov Airlines die Aufträge nunmehr seit Januar 2019 allein.

Aktuell läuft noch ein heikler Rechtsstreit mit Volga-Dnepr über die Zulässigkeit von Maßnahmen zur Verlängerung der Lebensdauer und Modernisierung von deren An-124-Flotte. „Das ukrainische Staatsunternehmen Antonov sieht als Schöpfer des Flugzeugs An-124-100 und Halter seiner Musterzulassung systematische und grobe Verstöße gegen die etablierten Verfahren zur Kontrolle der Lufttüchtigkeit durch die russische Fluggesellschaft Volga-Dnepr“, so lautet es im Memorandum, das verschiedenen Luftfahrtbehörden vorgelegt wurde. Der russische Konkurrent streitet dies ab und betont, im Einklang mit dem internationalem Recht zu verfahren.

Trotz aller Widrigkeiten zeigt die Wirtschaftsleistung des Traditionsunternehmens derzeit eine positiv-dynamische Entwicklung, und es werden weiter Maßnahmen ergriffen, die Auftragslage und das Ansehen des Unternehmens nachhaltig zu verbessern.

Dr. Robert Kluge

 

 

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Über Robert Kluge

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Robert Kluge arbeitet seit fast 20 Jahren als Freier Fachjournalist zu zahlreichen Themen der internationalen Luft- und Raumfahrt und ist unter anderem auch Inhaber einer FAA-Berufspilotenlizenz mit IFR-Berechtigung. Seit 2015 ist er hauptberuflich am Deutschen Museum in München für die Ausstellung Moderne Luftfahrt verantwortlich.

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