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Exklusiv-Interview: Desinfektion von Flugzeugen

Im Interview mit Aerobuzz sprechen Jonas Scheld, der Gründer und Eigentümer von Scheld Aviation Service und sein Geschäftspartner Dr. Heiner Börger über eine schnelle, effektive Möglichkeit, Flugzeuge präventiv zu desinfizieren und speziell in der jetzigen Zeit nach einem Transport mit Corona-infizierten Passagieren die Flugzeuge wieder virusfrei für den Flugverkehr zu bekommen.

30.03.2020

Die Desinfektion eines Single Aisle-Jets ist innerhalb von 2,5 Stunden erledigt. © Volker K. Thomalla

Der Transport von Menschen mit Infektionskrankheiten ist eine Problematik, die es seit den Anfängen des Luftverkehrs gibt. Durch den Ausbruch des Coronavirus ist das Thema in das Interesse einer breiten Öffentlichkeit geraten. Im Interview mit Aerobuzz beantworten Jonas Scheld, der Gründer von Scheld Aviation Service und sein Geschäftspartner Dr. Heiner Börger, Fragen zur Desinfektion von Flugzeugen. Scheld ist Flugzeugtechniker mit über sieben Jahren Berufserfahrung. Er ist B1-lizensiert mit Musterberechtigungen auf auf Boeing 737 und Global 6500. Mit seiner Firma Scheld Aviation Service ist er seit 2013 weltweit tätig, insbesondere bei AOG (Aircraft on Ground) Trouble-Shooting-Einsätzen. Zur Zeit hat er seine Basis in Frankfurt/Main. Dr. Heiner Börger betreibt in Frankfurt/Main ein Helikopter-Unternehmen und hat sich Scheld Aviation Service als Geschäftspartner für den Bereich Desinfektion angeschlossen.

Aerobuzz: Wie und wann sind Sie auf die Idee gekommen, dieses Produkt zu entwickeln?
Jonas Scheld: Ich habe SteraMist und die Technik des ionisierten Wasserstoffperoxyd nicht selbst entwickelt, sondern die Vorzüge lediglich vor zirka fünf Wochen für die Luftfahrt entdeckt. Nach einem Wartungseinsatz auf einer Bombardier Global 6000, die infizierte Passagiere von dem Kreuzfahrtschiff Diamond Princess transportierte, bin ich bei der Recherche, wie das Flugzeug desinfiziert wurde, auf das SteraMist-System gestoßen.

Seit wann und wo ist das Produkt (SteraMist) auf dem Markt?
SteraMist ist ein Produkt der Firma Tomi Environmental Systems, ist seit 2013 in den USA, Kanada und Großbritannien erhältlich. Das System wurde mit Förderung des US- Verteidigungsministeriums entwickelt, als nach dem 11. September 2001 mikrobiologische Terror-Angriffe mit Anthrax und ähnlichen viralen Substanzen befürchtet wurden. Heutzutage wird es hauptsächlich zur Desinfizierung von Krankenzimmern und Operationssälen sowie in der Lebensmittelindustrie genutzt.

Wo unterscheidet sich Ihr Produkt zu den auf dem Markt befindlichen Produkten?
Der Anteil von Wasserstoffperoxyd ist mit nur 7,8 Prozent weitaus geringer als bei konkurrierenden Produkten und somit ist SteraMist lediglich als reizend (irritant) klassifiziert. Herkömmliche Sprühmethoden verwenden Lösungen ab 19 Prozent aufwärts, die als ätzend (corrosive) eingestuft sind. Zum einem unterliegen sie dann strengen Gefahrgutvorschriften, zum anderen sind sie für viele Flugzeug-Materialien schädlich.

SteraMist ist „non-corrosive“

Warum gerade SteraMist?
SteraMist ist ein „non-corrosive“ Sprühmittel. Wertvolle Materialien, wie zum Beispiel Aluminium- oder Metallteile der Flugzeugstruktur werden nicht angegriffen. Es eignet sich damit selbst zum Desinfizieren von sensiblen Bauteilen im Cockpit inklusive Elektronik, Bildschirme, Kabel, Steckdosen, Schalter und Headsets. Ein weiterer Vorteil: Umweltverträglichkeit und gute technische Realisierbarkeit. Keine kontaminierten Rückstände. Ein Nachwischen ist nicht erforderlich.

Welche Kundengruppen sprechen Sie an?
Betreiber von Business Jets und Verkehrsflugzeugen, momentan bis zur Größe Boeing 737 und Airbus 320. Selbstverständlich bieten wir auch die Desinfektion von Yachten, Fahrzeugen oder Räumen an, also überall da, wo wertvolle oder empfindliche Materialien im Einsatz sind und geschützt werden müssen.

Wie funktioniert SteraMist?
Ein H2O2 Sprühnebel passiert einen Plasma-Bogen. Bei dieser Transformation zu einem hoch wirksamen Gas-Nebel Gemisch, der sogenannten Ionisation, werden Hydroxyl-Radikale freigesetzt. Zellstrukturen von Proteinen, Lipiden und Kohlehydraten werden so sehr schnell und effektiv beschädigt beziehungsweise zerstört. Viren werden selbst in unzugänglichen Bereichen erreicht und innerhalb von fünf Sekunden unschädlich gemacht.

Die Illustration zeigt, wie der Gasnebel entsteht, der sich in der Kabine verbreitet und Viren, Bakterien und Pilze abtötet. © SteraMist

Welche Vorbereitungen treffen Sie für sich und das Objekt, um eine Prozedur durchzuführen?
Das Flugzeug sollte gereinigt, beziehungsweise frei von Abfällen und herumliegenden Dingen sein. Für den Betrieb des SteraMist brauchen wir lediglich einen 220-Volt-Anschluss. Schutzkleidung, Schutzbrillen und Masken mit Filtern sind Pflicht zum Schutz gegen eventuell vorhandene Viren und gegen das Einatmen des Gas-Nebels. Wenn gewünscht, können wir vorher und nachher Abstrich-Tests durchführen, die dann von einem unabhängigen Labor getestet und ausgewertet werden.

Wie lange dauern die Vorbereitungen?
Zirka 30 Minuten.

Trainingskurs ist obligatorisch

Welche Ausbildung oder Vorbildung braucht man, um SteraMist richtig anzuwenden?
Es gibt einen Trainingskurs vom Hersteller, der durchlaufen werden muss. Der erfolgreiche Abschluss wird mit einem vom Hersteller ausgestellten Zertifikat bestätigt.

Wie lange dauert es, zum Beispiel eine Boeing 737 oder einen Airbus 320 zu desinfizieren? In welchem Zeitraum könnten Sie die Flotte einer großen Airline mit sagen wir einmal 400 Flugzeugen “virusfrei” bekommen?
Boeing 737/Airbus 320 dauern zirka 2,5 Stunden (mit einem Gerät). Durchgeführt wird die Desinfizierung nach einer vom Hersteller abgestimmten Verfahrensanweisung und von Scheld Aviation weiterentwickelten, detaillierten Checkliste. Wir haben dies an einer Boeing 737 bereits erfolgreich getestet und die Wirksamkeit durch ein unabhängiges Labor bestätigen lassen. Für größere Flugzeuge werden zwei oder drei Geräte gleichzeitig benötigt. Der Zeitaufwand ist dann ähnlich.

Die Desinfektion eines Single Aisle-Flugzeugs mit Hilfe von SteraMist dauert rund 2,5 Stunden. © Scheld Aviation

Welche Art Viren werden mit dieser Prozedur beseitigt?
Alle Arten von Viren, Keimen, Bakterien und Pilzen. Inklusive Corona, Influenza und auch MRSA.

Welche Nebenwirkungen oder Nachwirkungen hat dieses Produkt beziehungsweise die Prozedur auf Mensch und Maschine? Stichwort Oberflächen, Sitze, Teppich, Knöpfe, Schalter, Steckerverbindungen, Leitungen, Korrosion etc.
SteraMist kann für alle Oberflächen, ob glatt, porös oder textil verwendet werden. Insbesondere Elektronik und die Struktur des Flugzeuges werden nicht angegriffen. Für den Menschen wirkt es reizend und sollte nicht in die Atemwege und Augen gelangen.
 Eventuelle Spritzer auf der Haut müssen mit Wasser abgespült werden.

Welche chemischen Überreste bleiben nach einer Reinigung übrig?Nachdem SteraMist gewirkt hat, entsteht lediglich Sauerstoff sowie Feuchtigkeit, die sofort verdunstet und nicht formieren kann.

Nach 20 Min. wieder einsatzbereit

Ab wann kann das gereinigte Flugzeug wieder für Passagierflüge eingesetzt werden?
Etwa 20 Minuten nach Beendigung der Anwendung. Ein mitgeführtes Messgerät (Skala ppm) zeigt genau an, wann sich das Gas vollständig aufgelöst hat.

Welche Zertifizierungen zur Wirksamkeit liegen vor?
SteraMist ist von amerikanischen Umweltbehörde EPA (Environmental Protection Agency) unter der Reg No. 90150-2 zugelassen, explizit auch für die Luftfahrt. Ebenso ist es von der kanadisches Gesundheitsbehörde Health Canada zugelassen.

Welche Genehmigungen liegen von der FAA oder EASA vor?
In Deutschland war SteraMist zugelassen, bis die europäische BPR (Biozid Product Regulations), beziehungsweise Biozid-Verordnung der ECHA (European Chemicals Agency) in Kraft trat. Solange das europäische Zulassungsverfahren läuft, darf SteraMist in Deutschland verwendet werden, das wurde uns vom RP Darmstadt, Dez. IV/F ausdrücklich bestätigt (Reg. Nr. N-70548).

Was sagen die großen Hersteller wie Boeing, Airbus, Bombardier und Gulfstream zur Verträglichkeit der Materialen?
Es gibt Desinfektionsmittel, die namentlich von den OEMs zugelassen sind, allerdings ist eine Anwendung in der Kabine nur äußerst vorsichtig durchzuführen. Im Cockpit ist das Versprühen dieser Substanzen nicht vorgesehen. SteraMist besitzt eine ausdrückliche Zulassung von der EPA für Luftfahrzeuge. Scheld Aviation Service ist in Kontakt mit Boeing, Airbus und Bombardier, um eine namentliche Zulassung von SteraMist zu erhalten. In der Zwischenzeit besteht für den jeweiligen Operator die Möglichkeit, direkt mit dem Flugzeughersteller in Kontakt zu treten, um etwaige Zweifel der Verträglichkeit und Wirksamkeit vorab überprüfen zu lassen.

Die Fragen stellte Vasco Garcia.

 

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