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Biders Nacht: Absturz nach durchzechter Nacht

Der Schweizer Aviatikjournalist Peter Brotschi hat dem Flugpionier und ersten Chefpiloten der Schweizer Fliegertruppe, Oskar Bider, ein kurzweiliges, literarisches Denkmal gesetzt, das nicht nur durch seinen Detailreichtum beeindruckt. 

20.02.2019

Der Roman Biders Nacht von Peter Brotschi im Knapp-Verlag Olten erschienen. © Aerobuzz.de

Vor 100 Jahren, am 7. Juli 1919, ist der Schweizer Flugpionier Oskar Bider nach einer Nacht ohne Schlaf beim Kunstflug mit einem Doppeldecker Nieuport 23 abgestürzt und ums Leben gekommen. Er wurde gerade einmal 28 Jahre alt und hat dennoch in der Schweiz die Begeisterung für die Aviatik geweckt und die Luftfahrt über seinen Tod hinaus lange Jahre geprägt.

Der Schweizer Aviatikjournalist Peter Brotschi hat Oskar Bider nun mit seinem Roman „Biders Nacht“ ein bemerkenswertes literarisches Denkmal gesetzt. Brotschi zeichnet mit einer unglaublichen Detailtreue die letzte Nacht des jungen Luftfahrers nach. Dabei orientiert er sich an den Fakten und beweist eine beneidenswerte Beobachtungsgabe, denn einige der Schauplätze seines Roman existieren noch heute, wie Brotschi bei seinen umfangreichen Recherchen für den Roman feststellen konnte. Der Roman spielt in Zürich, Schwamendingen und Dübendorf.

Kein klassischer Fliegerroman

Bei „Biders Nacht“ handelt es sich nicht um einen klassischen Fliegerroman, auch wenn die Luftfahrt das verbindende Element zwischen den handelnden Personen des Romans darstellt. „Geflogen wird nur im letzten Kapitel“, sagt Brotschi. Hier stehen die Menschen im Vordergrund. Bider, der sich gerade entschlossen hat, die Schweizer Fliegertruppe – deren Cheffluglehrer er war – zu verlassen, um eine zivile Fluggesellschaft zu gründen, seine Schwester Julie Bider, die sich als erfolgreiche und bewunderte Schauspielerin mit der für sie vorgesehenen klassischen Rollenerwartung nicht abfinden wollte, der Militärpilot Fritz Rudolf Gschwind, und sein Freund Hans Mahler, Ingenieurstudent und Leutnant der Genietruppen. Brotschi hat sich bei den beschriebenen Personen mit einer Ausnahme an die realen Personen gehalten, die mit Bider seine letzte Nacht erlebt haben. Die Ausnahme bildet die von Brotschi erfundene Bewunderin Biders, Maria Hafner. Dieser Kunstgriff ist durchaus gelungen, weil Brotschi durch die Person Maria Hafners eine weitere Perspektive, einen Blick aus Beobachtersicht auf die Geschehnisse dieser Nacht einbringt.

Moritz Suter, der als Gründer der Crossair Schweizer Luftfahrtgeschichte geschrieben hat, konnte „Biders Nacht“ vorab lesen. Er schrieb nach der Lektüre: „Bider war ein Pionier der Fliegerei, aber er war seinem Wesen nach auch ein Unternehmer – er opferte dem Aufbau seiner Träume alles, seine Kraft und seine Gaben. Das von Hochs und Tiefs dramatisch gezeichnete Leben Biders konfrontiert uns mit der Frage, ob er in unserer heutigen Welt eine Chance gehabt hätte. Denn unternehmerisch denken ist ein Akt der Freiheit, und wo das Leben überreguliert ist, wird das Unternehmertum heute noch gelähmt.“

Zwei Jahre Recherche

Brotschi kann mit seinem Roman nicht klären, ob der Absturz Biders aus Unachtsamkeit, technischem Versagen oder aus Absicht geschehen ist. Diese Frage wurde in den vergangenen 100 Jahren nicht geklärt und wird auch wohl nie eindeutig geklärt werden können. Aber der Roman versetzt den Leser in die Zeit zurück und zeigt die Zerrissenheit, die Ungewissheit und die Ängste und Hoffnungen, die die Menschen direkt in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg hatten. Der Autor will mit seinem Roman, an dem er nach eigenen Angaben zwei Jahre gearbeitet hat, nicht nur unterhalten. Im Gespräch mit Aerobuzz sagte er: „Ich will auch, dass die Menschen etwas lesen, was sie bildet und sie weiterbringt. Der Roman ist nicht nur Unterhaltung.“

Diesen Anspruch erfüllt „Biders Nacht“ auf jeden Fall, obwohl es auch unterhaltsam geschrieben ist. Aber Bildung und Unterhaltung müssen sich ja nicht ausschließen.

„Biders Nacht“ ist im Knapp Verlag in Olten in der Schweiz erschienen. Es kann im Buchhandel, beim Verlag oder bei Amazon bestellt werden. Das Buch hat 224 Seiten und kostet 24,80 Schweizer Franken (20,00 Euro).

Volker K. Thomalla

 

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Über Volker K. Thomalla

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Volker K. Thomalla ist Chefredakteur von aerobuzz.de. Er berichtet seit über 30 Jahren als Journalist über die Luft- und Raumfahrt. Von 1995 bis 2016 leitete er als Chefredakteur die Redaktion aerokurier, von 2000 bis 2016 zusätzlich die Redaktionen FLUG REVUE und Klassiker der Luftfahrt. Thomalla ist seit 2016 Chefredakteur des englischsprachigen Business-Aviation-Magazins BART International. Er hat mehrere Bücher über die Luftfahrt geschrieben und als Privatpilot auch praktische Flugerfahrung gesammelt.

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