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Gelebte Unfallverhütung: Upset Prevention and Recovery Training

Seit dem Unfall des Air France-Fluges AF447 ist das Trainieren von außergewöhnlichen Flugzuständen für Besatzungen von Verkehrsflugzeugen in den Fokus des Trainingsgerückt. Bob Fischer hat an einem Upset Prevention and Recovery Training (UPRT) teilgenommen. 

9.05.2018

Für das Upset Prevention and Recovery Training sind kunstflugtaugliche Trainer am besten geeignet. © Hans Menting

„Upset Prevention and Recovery Training“ (UPRT) ist ein theoretisches und praktisches Training für Besatzungen von Verkehrsflugzeugen, damit diese die theoretischen und praktischen Fähigkeiten erwerben, um ein Flugzeug aus einem Flugzustand herauszubringen, der außerhalb der normalen Betriebsparameter liegt.

Der Verlust der Kontrolle (Loss of Control Inflight/LOC-I) über ein Flugzeug ist der Hauptgrund für Todesfälle bei Luftfahrtunfällen. Viele Unfälle hätten nicht in einem Desaster enden müssen, wenn die Piloten besser trainiert worden wären und auf eine Upset-Situation vorbereitet gewesen wären.

Die Zlin ist kunstflugtauglich und bietet neben einer Side-by-Side-Sitzanordnung auch noch gutmütige Flugeigenschaften. © Bob Fischer

Eine Basisausbildung in UPRT mit entsprechenden Übungen ist nicht nur in der Ausbildung zur Berufspilotenlizenz  Commercial Pilot Licence (CPL) sowie in der Airline Transport Pilot Licence (ATPL) enthalten, sondern auch in der Ausbildung zu einer Multi Pilot Licence (MPL).

Praktisches Fliegen gehört zum Kursus

Ein UPRT-Fortgeschrittenen-Kursus umfasst mindestens fünf Theoriestunden sowie drei Stunden am Doppelsteuer in einem echten Flugzeug. Ziel des Trainings ist es, die psychische und physiologische Ausdauer eines Flugschülers beim Lösen einer solchen Situation des Kontrollverlustes zu erhöhen, damit er in der Lage ist, eine solche Situation auch zu lösen.  Klassen- beziehungsweise Muster-relevante UPRT-Trainings bearbeiten die musterspezifischen Besonderheiten eines Flugzeuges oder einer Flugzeugklasse.

Bob Fischer und „Kiwi“ van Dijk vor dem Start zum UPRT-Flug in Teuge. © Hans Menting

Um das Thema – das auch in der Allgemeinen Luftfahrt als Unfallursache vorkommt –  auch in der General Aviation zu verankern, will die European Aviation Safety Agency (EASA) Elemente des Basis-UPRT in die bestehenden Trainings-Syllabi für die Light Aircraft Pilot Licence (LAPL) und die Privatpiloten-Lizenz  (PPL) einbauen.

Sowohl das Training als auch das Checken der UPRT-Kompetenzen sollen in einem Simulator erlaubt werden. In diesem Kontext muss unbedingt darauf hingewiesen werden, dass die revidierte Part-FCL (Flight Crew Licensing)-Anforderungen eine Reihe von ‚Approach-to-stall-Übungen‘ vorsieht, allerdings ohne die Notwendigkeit, Post-Stall-Übungen durchzuführen.

Eine theoretische Einweisung auf die Besonderheiten der Zlin 242 erfolgt vor dem ersten Flug. © Hans Menting

Am 10. April 2018 unternahm Aerobuzz.de-Autor Bob Fischer an einem UPRT-Training bei der Firma Advanced Flight Manoeuvring Training (AFMT) auf dem Teuge Airport (EHTE) in den Niederlanden teil. AFMT hat spezielle UPRT-Kursangebote entwickelt, die alle Anforderungen der verschiedenen Pilotengruppen abhängig von ihrer Qualifikation sinnvoll abdecken.

AFMT deckt den Lehrbereich Prävention durch die Stichworte Awareness (Situationsbewusstsein), Avoidance (Vermeidung) und Recognition (Erkennen) ab. Dennoch und gerade weil die Upset-Situationen für die Besatzungen häufig unerwartet auftreten, will AFMT ihre Kursteilnehmer mit einem Repertoire and Erfahrungen und handwerklichem Können ausstatten, um aus einer Situation des Kontrollverlustes über ein Flugzeug, wieder die Kontrolle zu gewinnen. Für einen Kontrollverlust im Flug gibt es drei wesentliche Faktoren: Umwelt (zum Beispiel unbeabsichtigtes Einfliegen in Wolken), System-Fehler sowie Kontrollverlust, der durch vom Piloten eingegebenen Steuerinputs passiert ist.

Das UPRT-Training ist Chefsache

Das UPRT-Training ist bei AFMT Chefsache von Stephen “Kiwi” van Dijck, der ursprünglich aus Neuseeland stammt und bei der Royal Netherlands Air Force (RNLAF) NF-5 und F-16 geflogen ist. Er ist ein ehemaliger 737- und 747-Captain der KLM und nach wie vor Type Rating Instructor/Type Rating Examiner (TRI/TRE) für die Boeing 737 und 747. Seit über 20 Jahren fliegt er sowohl Kunstflugwettbewerbe als auch als Displaypilot auf Airshows, sowohl solo als auch in Formationen.

In dieser Saison führt er seine Suchoi Su-29 im Solo-Display vor und fliegt mit den Dutch Thunder Yaks in einer vier Flugzeuge umfassenden Kuntsflug-Formation.

Während der theoretischen Einweisung gehen die Fluglehrer noch einmal mit den Schülern einen Refresher der Theorie durch. Dabei wird beispielsweise die Aerodynamik durchgenommen. Dabei hat sich immer wieder gezeigt, dass die Piloten ein theoretischen Wissen nicht nur viel besser verinnerlichen, sondern auch viel besser in der Praxis anwenden können, wenn sie den Wert dieser physikalischen Regeln für ihren täglichen Arbeitsalltag auch erkennen. Nur dann wird das Training zu einer wichtigen Wissenquelle im theoretischen Werkzeugkasten eines Piloten.

Für den praktischen Teil des Trainings nutzt AMFT ein modernes kunstflugtaugliches Trainingsflugzeug vom Typ Zlin 242L mit einer Side-by-Side-Sitzanordnung. Während des Fluges wird das in der Theorie gelernte Wissen gleich umgesetzt, indem die Grenzen des normalen Flight Envelopes überschritten werden. Der Flugschüler lernt, wie er solche Situationen schnell erkennt, damit er schnell die richtigen Gegenmaßnahmen einleiten kann, um die Upset-Situation zu lösen oder gar zu vermeiden. Während des praktischen Flugtrainings lernen die Flugschüler, wie sie ein Flugzeug aus jeglicher Upset-Situation sicher wieder herausführen. Dabei trainieren sich auch realistische Szenarien, die in bekannten Fällen zum Unfall geführt haben. Die Schüler werden auch mit den physiologischen Einflüssen einer Upset-Situation konfrontiert. Dazu gehört beispielsweise der so genannte “Startle-Effekt” sowie eine räumliche Desorientierung.

Einweisung im Cockpit vor dem ersten Start. © Hans Menting

Der Lehrer vermittelt den Schülern, wie er Vertrauen in sein Wissen und seine Fähigkeiten gewinnt, damit er verschiedene Upset-Situationen meistern kann. Im Laufe des Trainings steigern sich die Schwierigkeitsstufen der bedrohlichen Situationen. Beginnende Stalls, Stalls, Steep Turns bis zu 60 Grad Schräglage, Wing overs, Trudeln und anderes kann, abhängig vom Wissens und Erfahrungsstand des Studenten durchgenommen werden.

Bob Fischer

 

 

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Über Bob Fischer

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Bob Fischer ist PPL-Inhaber mit diversen Ratings. Er veröffentlicht regelmäßig Beiträge in Luftfahrtmagazinen auf der ganzen Welt. Bob hat eine große Erfahrung in Air-to-air-Fotografie mit Jets, Kolbenmotor- und Turbopropflugzeugen.

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