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Bye, bye airberlin: Der letzte Flug ist gelandet

Die airberlin ist nach der Landung des Fluges AB6210 auf dem Flughafen Berlin-Tegel Geschichte. Ein Kapitel Luftfahrtgeschichte ist damit beendet. Der zweitgrößter Carrier Deutschlands hat nach 37 Jahren den Flugbetrieb eingestellt. Viele Mitarbeiter stehen vor einer ungewissen Zukunft.

28.10.2017

Das letzte Mal legt eine A320 der airberlin in Düsseldorf am Finger an. Ein bewegender Moment für alle Beteiligten. © Rudi Pilz

Die letzten Flüge der airberlin hatten Düsseldorf und Berlin-Tegel zum Ziel. Sie landeten jeweils mit ordentlich Verspätung. AB8719 aus Rom landete um 23.33 Uhr in Düsseldorf, AB6210 aus München kommend um 23.40 Uhr in Berlin-Tegel. Ohne Sondergenehmigungen hätten sie an ihren finalen Destinationen gar nicht mehr landen dürfen, doch die Genehmigungen lagen vor. In München hatten die Mitarbeiter des Bodenpersonals sich gebührend von der airberlin verabschiedet, was eine entsprechende Verspätung erzeugt hatte.

AB6210 erhielt für den Flug nach Berlin noch ein spezielles Callsign: BER4EVR. Vor der Landung drehte die Besatzung noch – natürlich abgestimmt mit der Flugsicherung – mehrere Schleifen über der deutschen Hauptstadt, die sich mit ein wenig Fantasie als riesiges Herz identifizieren lassen, bevor sie landete.

Sowohl in Tegel als auch in Düsseldorf wurden die letzten AB-Flüge sowohl von vielen Zuschauern auf den Besucherterrasssen als auch vom Bodenpersonal auf dem Apron begrüßt. Beide Flughafengesellschaften hatten ihre Terrassen länger aufgelassen, um den Fans und Mitarbeitern der insolventen Fluggesellschaft die Gelegenheit zu bieten, an diesem historischen Tag teilzunehmen. In Tegel musste die Terrasse allerdings wegen Überfüllung bereits kurz nach 22.00 Uhr geschlossen werden, und auch in Düsseldorf konnten nicht alle Zuschauer auf die Terrasse.

Auf der Besucherterrasse in Düsseldorf hatten sich viele Airberliner eingefunden, um die letzte Landung auf dem Airport zu erleben. © Rudi Pilz

In Düsseldorf brandete Applaus auf, als der Airbus A320 landete. Allerdings verstummte der schnell wieder und wich einer gedrückten Stimmung, denn allen Anwesenden war klar, dass sie einen historischen Moment miterlebt hatten: Die vorletzte Landung der airberlin.

Interessierte in aller Welt verfolgten live auf Flightradar24 die letzten Flüge der airberlin. © Rudi Pilz

Die mit viel Enthusiasmus in Berlin 1978 gegründete Airline hat in ihrer Geschichte viele Höhen und Tiefen erlebt. Sie war zunächst eine reine US-Charterfluggesellschaft, die von Berlin aus Warmwasserziele rund ums Mittelmeer bediente, da deutsche Airlines vor der Wiedervereinigung Berlin nicht anfliegen durften.

Nach der Wiedervereinigung wurde aus der Air Berlin eine deutsche GmbH mit Joachim Hunold an der Spitze. Der Manager betrieb eine ehrgeizige Wachstumspolitik und wollte durch Zukäufe schnell eine kritische Masse erreichen. Doch das gelang in Zeiten der aufkommenden Billigairlines und der entstehenden Airline-Allianzen nicht so richtig. Der geplante Börsengang 2006 wurde kurzfristig um mehrere Tage verschoben und brachte am Ende 500 Millionen Euro – aber die Geschäftsleitung hatte mit über 800 Millionen Euro gerechnet. airberlin war keine reine Chartergesellschaft mehr – sie bot ja auch vermehrt Tickets im Einzelverkauf an –, sie war aber auch kein Low-Cost-Carrier und erst recht kein klassischer Liniencarrier. Dennoch tanzte sie auf allen diesen Hochzeiten.

Stay United hatten sich Crews auf die High-Visibility-Westen lackiert. © Rudi Pilz

Und sie verfolgte einen aggressiven Wachstumskurs und kaufte von der schweizerischen Belair über die dBA, die LTU bis zur Luftfahrtgesellschaft Walter alles, was sie bekommen konnte. Diese schnelle und aggressive Expansion war einer der Sargnägel der Gesellschaft.

Ein weiteres Problem tauchte mit der Nicht-Fertigstellung des Berliner Flughafens BER auf. airberlin hatte geplant, dort ein großes Drehkreuz einzurichten. Tegel konnte diese Hub-Funktion nie richtig erfüllen, dafür war der Flughafen nicht gebaut. Umsteigen in Tegel war für die Passagiere alles andere als angenehm. Ein eigenes Hub hätte einen effizienteren Betriebsablauf ermöglicht. So war der BER ein weiterer Faktor im Fall der airberlin.

Tourismuskrise und fehlende Strategie

Die Tourismuskrise in den nordafrikanischen Länder und der Türkei halfen ebensowenig, die Lage der airberlin zu verbessern, ganz im Gegenteil: Sie brachten dem Unternehmen Umsatzverluste in gewaltiger Höhe. Die Verluste wuchsen von Jahr zu Jahr, und die Zeit arbeitete gegen die Fluglinie. Seit Juli 2016 besaß die Fluggesellschaft nicht einmal mehr ein einziges Flugzeug. Um Kosten zu sparen, waren sie von der airberlin an Leasinggesellschaften verkauft und von dort wieder zurückgeleast worden.

Der Einstieg von Etihad war ein Sargnagel

Mit dem Einstieg von Etihad Airways im Dezember 2011 sollte eigentlich ein Befreiungsschlag gelingen, doch er wurde zum weiteren Sargnagel. Etihad zwang airberlin, attraktive und profitable Strecken von die nach Thailand aufzugeben und stattdessen die Passagiere nach Abu Dhabi zu fliegen, wo sie mit Etihad zu ihren Zielen reisen sollten. Doch die Fluggäste wollten nicht zwangsweise umsteigen und bevorzugten Nonstop-Verbindungen,

Die Geldgeber vom Golf verloren trotz zunächst tiefer Taschen zunehmend die Geduld mit dem Sorgenkind. Als sie schließlich in ihrem Heimatmarkt selbst finanziell unter Druck gerieten, zogen sie die Notbremse und drehten airberlin Anfang August dieses Jahres den Geldhahn zu. Die airberlin-Führung musste am 11. August die Airline insolvent erklären. Das Geld der Scheichs war aufgebraucht. Nur dank eines Bundeskredites in Höhen von 150 Millionen Euro war es überhaupt möglich, den Flugbetrieb aufrecht zu halten. Normalerweise muss eine Airline in Europa, wenn sie Insolvenz anmeldet, den Betrieb sofort einstellen. Den Mitarbeitern wurde so eine Schonfrist gewährt.

Die Mitarbeiter der ebenfalls in diesem Jahr insolvent gewordenen Monarch Airlines hatten aber noch mehr Pech. Sie erfuhren von einem Tag auf den anderen davon, dass die Airline nicht mehr fliegt und dass sie ab sofort arbeitslos seien.

Der Insolvenzverwalter wurde mit der Lufthansa handelseinig, die einen Großteil der airberlin-Flotte von den Leasinggesellschaften kaufen wird, um sie bei ihrer eigenen Billigtochter Eurowings einzusetzen. Die britische Fluggesellschaft easyJet interessiert sich für weitere 20 Flugzeuge und Streckenrechte, hat sich aber noch nicht mit dem Insolvenzverwalter geeinigt.

Dass sich airberlin, der Bund und die Länder dann in dieser Woche nicht auf eine Finanzierung der zu gründenden Auffanggesellschaft für die airberlin-Mitarbeiter einigen konnten, war für viele Betroffene eine herbe Enttäuschung. Sie erwarten nun alle in den nächsten Tagen ihre Kündigungen.

Volker K. Thomalla

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Über Volker K. Thomalla

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Volker K. Thomalla ist Chefredakteur von aerobuzz.de. Er berichtet seit über 30 Jahren als Journalist über die Luft- und Raumfahrt. Von 1995 bis 2016 leitete er als Chefredakteur die Redaktion aerokurier, von 2000 bis 2016 zusätzlich die Redaktionen FLUG REVUE und Klassiker der Luftfahrt. Thomalla ist seit 2016 Chefredakteur des englischsprachigen Business-Aviation-Magazins BART International. Er hat mehrere Bücher über die Luftfahrt geschrieben und als Privatpilot auch praktische Flugerfahrung gesammelt.

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