Homepage » Luftverkehr » EASA veröffentlicht Safety Bulletin zu Wirbelschleppen

EASA veröffentlicht Safety Bulletin zu Wirbelschleppen

Die europäische Flugsicherheitsagentur EASA hat ein Safety Bulletin zu Wirbelschleppen veröffentlicht, nachdem eine Challenger 604 im Januar durch die Wirbelschleppen einer A380 im Reiseflug herumgewirbelt worden war. Die Challenger konnte zwar notlanden, doch Passagiere waren verletzt, und das Flugzeug erlitt einen Totalschaden.

24.06.2017

In ihrem Safety Bulletin SIB 2017-10 zeigt die EASA auf, in welchen Situationen die Gefahr von Wirbelschleppen im Reiseflug auftreten können. © EASA

Die europäische Flugsicherheitsagentur EASA in Köln hat ein Safety Bulletin (EASA SIB 2017-10) herausgegeben, in dem sie auf die Gefahren durch Wirbelschleppen im Reiseflug hinweist. Durch das gestiegene Verkehrsaufkommen und präzisere Navigationsmöglichkeiten wären die Zwischenfälle mit Wirbelschleppen im Reiseflug oberhalb von 10.000 Fuß in der letzten Jahren häufiger aufgetreten, begründet die Agentur die Veröffentlichung.

Erst am 7. Januar 2017 war eine Challenger 604 eines deutschen Executive-Charterunternehmens über der Arabischen See in die Wirbelschleppen eines Airbus A380 geraten. Die Challenger flog in Flugfläche 340, der Airbus in Flugfläche 350. Die beiden Flugzeuge trennten nur 1.000 Fuß, was entsprechend den RVSM-Regeln (Reduced Vertical Separation Minimum) eine legale Separation darstellt. Laut Zwischenbericht der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) begann der Business Jet nach der Begegnung mit dem Airbus, sich bei eingeschaltetem Autopiloten erst leicht um die Längsachse nach rechts zu drehen, während ein gegenläufiger Querruderausschlag aufgezeichnet wurde. In den darauffolgenden etwa zehn Sekunden hatte das Flugzeug eine rechte Querneigung von 4° bis 6°. Danach begann sich die Querneigung nach rechts zu erhöhen und erreichte innerhalb von einer Sekunde einen Wert von 42°, während gleichzeitig der Querruderausschlag nach links einen Wert von 20° erreichte und die Vertikalbeschleunigung auf einen Wert von 1,6 g anstieg. In der folgenden Sekunde änderte sich der Wert für die Vertikalbeschleunigung auf -3,2 g.

Der BizJet rollte mehrfach um die Längsachse

Einige Sekunden später wurde eine Lateralbeschleunigung von 0,45 g nach rechts aufgezeichnet, der Längsneigungswinkel änderte sich von etwa 3° auf zirka 1°, stieg innerhalb einer Sekunde zunächst auf 9° an und verringerte sich in der darauffolgenden Sekunde auf -20°. Im gleichen Zeitraum zeichnete der Flight Data Recorder einen Seitenruderausschlag nach links auf, während sich die Querneigung des Flugzeuges von 42° rechts auf 31° links änderte.

Die Geschwindigkeit verringerte sich von zirka 277 KIAS auf 248 KIAS, die Triebwerksdrehzahl N1 des linken Triebwerks von 95% fiel ab. Die Lateralbeschleunigung erreichte einen Wert von 0,94 g nach links, der Autopilot schaltete sich ab und eine sieben Sekunden andauernde Master Warning wurde aufgezeichnet. Innerhalb der darauffolgenden neun Sekunden verlor das Flugzeug 8.700 Fuß an Höhe! Da die Triebwerkstemperatur auf einen kritischen Wert anstieg wurde das linke Triebwerk abgestellt. Der Pilot erklärte Luftnotlage und wich nach Muscat in Oman aus, wo er notlandete. Von den sechs Passagieren an Bord waren zwei schwer und zwei leicht verletzt. Auch die Flugbegleiterin erlitt leichte Verletzungen. Die Challenger wurde bei dem Zwischenfall so schwer beschädigt, dass sie verschrottet werden muss.

Nachdem die Challenger 604 über dem Arabischen Meer in die Wirbelschleppen eines Airbus A380 kam, geriet der Business Jet für kurze Zeit außer Kontrolle. © BFU

Mit dem jetzt veröffentlichten Safety Bulletin will die EASA Piloten und Controller für Wirbelschleppen im Reiseflug sensibilisieren und Wege zeigen, das Risiko zu verringern. Wirbelschleppen können in jeder Phase eines Fluges auftreten, warnt die Behörde. Angesichts der hohen Reisegeschwindigkeiten und der vertikalen Staffelung von nur 1.000 Fuß in RVSM-Lufträumen, können die gefährlichen Wirbel noch bis zu 25 nautischen Meilen (46 Kilometer) hinter dem Flugzeug, das sie erzeugt, auftreten.

Wirbelschleppen trafen Crews unvorbereitet

Bei den meisten Zwischenfällen seien die Wirbelschleppen sehr plötzlich aufgetaucht. Deswegen sei es sehr wichtig, dass man sich bei verschiedenen Situationen bewusst mache, dass „Wake Turbulences“ auftauchen können, so das Safety Bulletin.

Das Safety Bulletin zeigt beispielhaft verschiedene Situationen, wann Wirbelschleppen auftauchen. Es empfiehlt, dass Passagiere beispielsweise immer angeschnallt sein sollten. Verletzungen seien in erster Linie durch das Rollen des betroffenen Flugzeugs entstanden. Piloten sollten besonders aufmerksam sein, wenn ihr Flugweg ein anderes Flugzeug der Wirbelschleppenkategorie „Heavy“ oder „Super“ kreuzt. Das Beobachten von Kondensstreifen könne helfen, zu erkennen, wohin sich die Wirbelschleppen hinter einem Flugzeug bewegen.

Volker K. Thomalla

 

 

 

Über Volker K. Thomalla

zum Aerobuzz.de
Volker K. Thomalla ist Chefredakteur von aerobuzz.de. Er berichtet seit über 30 Jahren als Journalist über die Luft- und Raumfahrt. Von 1995 bis 2016 leitete er als Chefredakteur die Redaktion aerokurier, von 2000 bis 2016 zusätzlich die Redaktionen FLUG REVUE und Klassiker der Luftfahrt. Thomalla ist seit 2016 Chefredakteur des englischsprachigen Business-Aviation-Magazins BART International. Er hat mehrere Bücher über die Luftfahrt geschrieben und als Privatpilot auch praktische Flugerfahrung gesammelt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.