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Boeing sieht einen Bedarf von über 100.000 Technikern in Europa

Der Aerospace-Riese Boeing prognostiziert nicht nur den Bedarf an Flugzeugen, sondern schaut seit mehreren Jahren auch in die Zukunft, um den weltweiten Bedarf an Personal festzustellen. Denn ohne Piloten, Mechaniker und Flugbegleiter können die Flugzeuge nicht abheben. 

22.08.2017

Trotz einer weiteren Automatisierung der Produktion von Verkehrsflugzeugen werden immer mehr Mitarbeiter für die Produktion und die Wartung und Überholung von Flugzeugen benötigt. © Boeing

Boeing erstellt nicht nur regelmäßig eine Vorhersage des Verkehrsflugzeugbedarfs der nächsten Jahre, sondern versucht, auch den Bedarf an Personal zu quantifizieren, das notwendig ist, um diese Flugzeuge in die Luft zu bringen. Kürzlich hat das Unternehmen seine Industrie-Studie „Pilot and Technician Outlook“ für den Vorhersagezeitraum 2017 bis 2036 veröffentlicht. Es ist die achte Studie des Unternehmens, die sich mit dem Thema befasst. Die Studie betrachtet nur die zivile Luftfahrt. Militärische Luftfahrt und General Aviation sind bei der Prognose nicht berücksichtigt!

Die Studie kommt in diesem Jahr zu dem Ergebnis, dass die globale Verkehrsluftfahrt bis 2036 einen Bedarf von
* 637.000 neuen Airline-Piloten,
* 648.000 neuen Technikern für die Wartung und Überholung sowie
* 839.000 neuen Flugbegleitern hat. Eine Aufstellung des Bedarfs nach Regionen ist am Ende des Beitrags zu finden.

Bei diesem Personal handelt es sich um neue Mitarbeiter, die derzeit noch nicht in der Branche tätig sind. Die Prognose unterstreicht, wie wichtig es für die Branche insgesamt ist, die Ausbildungsbemühungen zu verstärken. Auch der kanadische Trainingsanbieter CAE hat in diesem Jahr erstmalig eine Studie zum Pilotenbedarf veröffentlicht, allerdings betrachtet das Unternehmen den Zeitraum bis 2026 und nicht bis 2036. Das Ergebnis der CAE-Studie beschreibt das Problem des fehlenden Nachwuchses aber in einer ähnlichen Größenordnung.

Technikerbedarf ist leicht gesunken

Im Vergleich zur Boeing-Prognose des Vorjahres liegt die Zahl der benötigten Piloten mit 637.000 in diesem Jahr um 3,2 Prozent höher, während die Zahl der Wartungstechniker um 4,6 Prozent gesunken ist. Die Marktforscher führen diesen Rückgang vor allem auf den reduzierten Maintenance-Aufwand bei der Boeing 737 MAX zurück, die ja quasi als „Massenprodukt“ den Markt beeinflusst.

Mit einem Bedarf von rund 650.000 neuen Technikern in den nächsten Jahren muss die Branche aber ihre Bemühungen um neue Techniker verstärken, denn die Qualifizierung eines Mitarbeiters dauert in diesem Bereich aus gutem Grund relativ lang. Allein in Europa benötigen die Airlines nach Boeing-Angaben 111.000 neue Mechaniker. Das sind 5.500 neue Techniker pro Jahr von heute bis 2036. Ohne zusätzliche Ausbildungs- und Schulungskapazitäten ist diese Zahl an Technikern wahrscheinlich nicht zu erreichen.

Mitarbeiter sind mobiler geworden

Der Mittlere Osten hat sich traditionell bei qualifizierten Mitarbeitern in anderen Regionen, wie zum Beispiel Europa, Nordamerika und Australien bedient. Hier setzt ein Umdenken ein, und die Airlines aus der Region bilden zunehmend selbst aus. Sie benötigen in den nächsten 20 Jahren nach Boeing-Voraussagen 66.000 Techniker, um ihre Flugzeugflotten zu warten.

Wenn Europa bei den Technikern vor einer Herausforderung steht, so hat die Region Asien-Pazifik ein Problem, denn 256.000 neue Techniker, die bis 2036 dort gebraucht werden, kann die Region alleine nicht ausbilden. Das rasante Wachstum der Airlines in dieser Region könnte gebremst werden, wenn das Nachwuchsproblem nicht aktiv angegangen und gelöst wird.

Der Bedarf an fliegendem Personal wird nach einer Boeing-Studie in den nächsten Jahren weiter steigen. © Gregor Schläger/Lufthansa

Ein besonders hoher Bedarf besteht jedoch beim Kabinenpersonal. Insgesamt beziffert Boeing den weltweiten Bedarf an Flugbegleitern/Flugbegleiterinnen auf 839.000. Airlines müssen sich beim Recruiting etwas einfallen lassen, um ihren Bedarf zu befriedigen. Der Beruf der Flugbegleiterin/des Flugbegleiters unterliegt ja schon heute einer überdurchschnittlich hohen Fluktuation. Das liegt einerseits am Lohnniveau, dem diese Berufsgruppe unterliegt, aber andererseits auch an dem Berufsbild, das sich in den vergangenen 20 Jahren dramatisch verändert hat. Immer weniger Menschen können sich heute vorstellen, ihr gesamtes Erwerbsleben in diesem Job zu arbeiten. Erst im vergangenen Monat hat easyJet eine Einstellungsoffensive für dieses Jahr für Flugbegleiter angekündigt.

Besonders in Asien fehlt Kabinenpersonal

Aufgeteilt nach Regionen besteht ein sehr hoher Bedarf, nämlich 308.000 Mitarbeiter, an Kabinenpersonal in Asien. Die Gründe dafür liegen in der Tatsache bedingt, dass die Airlines in Asien ein überdurchschnittliches Wachstum aufweisen, während sie in den mehr gesättigten Märkten wie Nordamerika und Europa, nur noch durchschnittlich wachsen. In Asien wachsen die Fluggesellschaften und müssen deshalb ihren Personalstamm weiter aufbauen, während in Europa und Nordamerika vor allem Personal gesucht wird, das Mitarbeiter ersetzt, die aus Altersgründen ausscheiden. Es ist  fraglich, ob manche Airlines in Asien in Zukunft ihre Politik noch aufrechthalten können, Stewardessen mit 40 zu entlassen, beziehungsweise ihre Arbeitsverträge nicht mehr zu verlängern, weil sie dann „zu alt“ für den Job seien.

Die in der Boeing-Studie genannten Zahlen beziffern, wie gesagt, nur den Bedarf der Airlines. Bei den Piloten und den Technikern ist das Militär und die Business Aviation ein starker Wettbewerber im Kampf um qualifiziertes Personal.

Volker K. Thomalla

 

Personalbedarf in den nächsten 20 Jahren

Regionneue Pilotenneue Techniker
Europa106.000111.000
Asien-Pazifik253.000256.000
Nordamerika117.000118.000
Lateinamerika52.00049.000
Mittlerer Osten63.00066.000
Afrika24.00023.000
Russland/GUS22.00025.000

 

 

Über Volker K. Thomalla

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Volker K. Thomalla ist Chefredakteur von aerobuzz.de. Er berichtet seit über 30 Jahren als Journalist über die Luft- und Raumfahrt. Von 1995 bis 2016 leitete er als Chefredakteur die Redaktion aerokurier, von 2000 bis 2016 zusätzlich die Redaktionen FLUG REVUE und Klassiker der Luftfahrt. Thomalla war von 2016 bis 2018 Chefredakteur des englischsprachigen Business-Aviation-Magazins BART International. Er hat mehrere Bücher über die Luftfahrt geschrieben und als Privatpilot auch praktische Flugerfahrung gesammelt.

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